Astronaut werden: Wie geht das eigentlich? Teil 1

Astronaut Reinold Ewald berichtet im Interview von seiner Zeit im All

Astronaut werden: Wie geht das eigentlich? Teil 1

Unendliche Galaxien, das Gefühl der Schwerelosigkeit erleben – 1997 verbrachte der deutsche Astronaut Reinhold Ewald (Foto: ESA - European Space Agency) drei Woche lang gemeinsam mit fünf anderen Kollegen im All auf der Raumstation Mir. Diese Raumstation umkreiste von 1986 bis 2001 die Erde und wurde dann, natürlich ohne Astronauten, kontrolliert zum Absturz gebracht. Das Besondere an Ewalds Mission war, dass der Mediziner und Physiker nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als menschliches Versuchsobjekt unterwegs war. Seit September 2015 lehrt Ewald als Professor am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart die Fachgebiete Astronautik und Raumstationen.

Im ersten Teil des Interviews erzählt er, was er im All erlebt hat und warum er überzeugt ist, dass es außerirdisches Leben gibt.

An was genau haben Sie bei Ihrem Einsatz geforscht?

Wir haben Forschungen zum Salzhaushalt des Menschen in der Schwerelosigkeit gemacht, dafür hatte ich mich selbst als Versuchsobjekt zur Verfügung gestellt. Das Experiment hat völlig neue Erkenntnisse über die Funktionsweisen des menschlichen Körpers gebracht. Denn bis dato wusste man zum Beispiel noch gar nicht, was der Salzkonsum alles im Körper auslöst und wie genau das Krankheiten wie hohen Blutdruck fördert. Es ist ein gutes Gefühl, zu diesen Erkenntnissen beigetragen zu haben.

Welches war der schönste Moment bei Ihrer Weltraummission?

Ich war stolz, dass mein Projekt trotz aller Widrigkeiten geklappt hat und wir Ergebnisse mit nach unten gebracht haben. Das war gar nicht so leicht, denn es gab ja sogar ein Feuer an Bord.

Was würden Sie bei ihrem nächsten Flug ins Weltall anders machen?

Ich hätte mir mehr Zeit nehmen sollen, um aus dem Fenster in den Sternenhimmel zu schauen. Und auch das Schweben zu genießen. Der Blick auf die Erde ist etwas, das in freien Minuten sofort in den Vordergrund tritt. Ich habe damals viel gefilmt, weil ich dachte, das musst du mit runter bringen. Das „Zeug“ gucke ich mir nicht mehr an, denn heute machen die mit Digitalkameras ein Vielfaches der Bilder in hoher Auflösung. Diese Zeit hätte ich im Nachhinein lieber dem Erlebnis widmen sollen. Aber vielleicht gibt es ja noch einen zweiten Flug für mich...

Welche „Alltagsdinge" fallen im All besonders schwer? Wie geht man zum Beispiel auf Toilette?

Getränke müssen in geschlossenen Behältnissen bleiben, da die Flüssigkeiten sonst als Blase durch die Station schweben. Beim Toilettengang ist es das Gegenteil: Alles, was sonst das Wasser macht, macht dort oben ein Luftstrom. Aus Rücksichtnahme auf den folgenden Besucher geht man natürlich sehr sorgfältig mit allen Dingen um. Wenn die Toilette kaputt ist, ist der Flug schneller beendet als man denken kann.

Und was macht man über so lange Zeit ohne Kanalisation?

Urin wird rezykliert, das heißt, in einem separaten Schlauch aufgefangen, wieder in die Wasserreinigungskolonnen geschickt und dann dem Trinkwasser beigefügt. Das ist der Wasserkreislauf da oben. Wenn wir das nicht täten, müssten wir Tonnen um Tonnen Wasser dort hoch schicken. Der andere Müll und die festen Fäkalien kommen in Behälter und verglühen mit zurückkehrenden Transportfahrzeugen in der Atmosphäre. Unser Müllproblem löst sich so in Luft auf.

Worauf muss man im Alltag noch achten?

Putzen ist extrem wichtig, sonst bildet sich bei den klimatischen Bedingungen, die auf der Raumstation herrschen, eine Bioschicht aus Bakterien, Algen oder Pilzen. Deswegen müssen die Oberflächen einmal wöchentlich abgerieben werden. Samstags ist immer Putztag und jeder hat da ein Modul, wo er oder sie sich austoben darf.

Gibt es auch Privatsphäre an Bord?

Allzu pingelig darf man mit der Privatsphäre an Bord nicht sein. Der Platz auf der Station ist zwar mittlerweile mit dem in einem Flugzeug wie der Boeing 747 zu vergleichen. Man hat eine eigene Schlafkabine von weniger als einem Quadratmeter Fläche, aber man muss sich trotzdem auf ein Zusammenleben auf engstem Raum einstellen.

Und was macht man, wenn die Stimmung im Team schlecht ist?

Dass irgendwann auf so engem Raum mal schlechte Laune aufkommt, ist natürlich vorhersehbar. Deswegen wird mit allen Mannschaften vorher ein Training gemacht. An Bord trifft man dann allerdings immer auch auf Menschen, mit denen man nicht so intensiv trainiert hat, denn während man oben ist, werden die Besatzungen ausgetauscht. Es kann aber auch sein, dass die Stimmung schlecht ist, weil viele Dinge nicht klappen, dann müssen die Leute vom Bodenzentrum gezielt Stimmungsaufheller in Form von spannenden Aufgaben einplanen. Das kann zum Beispiel ein Ausstieg ins All oder das Ankoppeln eines Transportfahrtzeuges sein. Das motiviert sehr, wenn man da oben ist.

Glauben Sie an außerirdisches Leben?

Daran brauche ich nicht zu glauben. Ich schaue mir die Fakten an und sage, dass es relativ unwahrscheinlich ist, dass wir die Einzigen in diesem riesigen Universum sind. Die einzige Sache, die für mich erwiesen ist, ist, dass wir noch keinen Kontakt mit diesen Leuten hatten. Die Physik zeigt, dass es unglaublich schwer ist, die Abstände zwischen den Sternen und den Galaxienhaufen zu überbrücken. Wenn das nicht so wäre, würde es ja hier nur so von Aliens wimmeln – ähnlich wie im Film „Men in Black“. Aber wenn jemand fest daran glaubt, kann ich daran nichts ändern. Wenn mir derjenige sagt, „geben Sie es doch zu, Sie haben da oben Kontakt mit den Aliens gehabt, aber die Regierung hat Ihnen verboten, darüber zu reden“, dann sage ich, »ja, und ich halte mich an das Verbot«. Solchen Verschwörungstheorien kann man nur mit Humor begegnen, faktisch ist alles dazu schon gesagt.

Mögen Sie als Wissenschaftler Science-Fiction-Filme?

Solche Filme gucke ich mir zwar gerne im Kino an, aber man muss wissen, dass Raumfahrt nicht so einfach ist, wie es meist dargestellt wird.

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