Astronaut werden: Wie geht das eigentlich? Teil 2

Astronaut Reinold Ewald erklärt, wie realistisch es ist, Astronaut zu werden und was man dafür können sollte

Astronaut werden: Wie geht das eigentlich? Teil 2

Der Astronaut Reinold Ewald (Foto: ESA - European Space Agency) ist Professor am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart und lehrt die Fachgebiete Astronautik und Raumstationen. Hier gibt er Tipps, wie man dem Traumberuf Astronaut näher kommt. Dies ist der zweite Teil unseres Interviews - hier geht es zu Teil 1.

Was sollte ich gut können, um Astronaut zu werden?

Teamfähigkeit ist besonders wichtig. Ich nenne das immer Jugendherbergsqualitäten. Also auch bereit sein, das Geschirr vom Nachbarn wegzuräumen und sich nicht vor dem Spüldienst drücken. Einzelkämpfer sind für den Beruf nicht geeignet. Das Wichtigste ist die Sprache, ich habe mich vor meiner Mission ins Russische gestürzt, da ich mit russischen Kosmonauten zusammengearbeitet habe. Das war sehr wichtig, um zu zeigen: Ich teile deine Welt. Russisch und Englisch sind Pflicht für Astronauten. Und das muss man auch wollen und nicht als Schikane sehen.

Gibt es ein Studium, das Sie jemandem empfehlen würden, der Astronaut werden möchte?

Ich rate, eines der MINT-Fächer zu studieren, dazu gehören zum Beispiel MathematikInformatik, Naturwissenschaften und Technik. So ist ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik sinnvoll. Generell gilt: Man sollte das, was man angefangen hat, möglichst auch zu Ende bringen, also zielstrebig sein. Außerdem kann es sinnvoll sein, eine Promotion zu machen oder ein paar Jahre Berufserfahrung zu sammeln. Dass jemand direkt nach seinem Master Astronaut wird, kommt eigentlich nicht vor.

Wie hoch ist meine Chance, wirklich mal an einer Expedition ins All teilzunehmen?

Das ist eine ganz wichtige Frage: Man sollte neben dem Berufswunsch Astronaut auf jeden Fall einen Plan B haben. Denn die Chance, dass man auf einer Weltraummission eingesetzt wird, ist so gering wie die auf einen Lottogewinn. Das ist unter anderem so, weil nur alle anderthalb Jahre überhaupt ein Flug eines Europäers zur ISS stattfindet. Bei mir war es pures Glück. Damals, während meiner Promotion, kam die Ausschreibung in der Zeitung: "Wir suchen Verstärkung unseres deutschen Astronautenteams". Heute würde man auf der Webplattform der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) gucken, wann wieder neue Astronauten gebraucht werden. Zum Glück gibt es ja noch viele andere Berufsfelder am Boden, die mit der Raumfahrt zu tun haben.

Welche sind das?

Ich selbst unterrichte ja in Stuttgart, da gibt es an der Uni eine große Luft- und Raumfahrtfakultät. Aus diesen Absolventen - Männer wie Frauen - bilden sich dann die Teams, die zum Beispiel als Raumfahrtingenieure beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) arbeiten und für Satellitenmissionen, Erdbeobachtung sowie für die bemannten Missionen und Erkundungsflüge zuständig sind.

Wie läuft das Auswahlverfahren für Astronauten ab?

Zuerst muss man einen Fragebogen ausfüllen. Da werden Universitätsabschlüsse, Hobbys und Interessen sowie erworbene Qualifikationen abgefragt. Wenn man sich sozial engagiert, gibt es Sonderpunkte. Dann kommt eine große „Auslese“, denn letztes Mal hatten wir 8.500 Bewerbungen aus ganz Europa für letztlich sechs Positionen. Für diejenigen, die nicht weiterkommen, ist das immer hart.

Welche weiteren Prüfungen muss man bestehen?

Es folgt ein Pilotentest. Da läuft viel mit Multiple Choice. Es gibt Reaktionstests, es wird geprüft, ob man Geduld hat, Instrumente zu beobachten und natürlich gibt es einen Englischtest. In der nächsten Stufe folgen berufsbezogene Interviews mit Experten und Psychologen, da habe ich beim letzten Auswahlverfahren auch als Prüfer teilgenommen. Das Ganze kann man sich als eine Art Assessment-Center vorstellen. Es gibt Spielchen, Interaktion in Gruppen, man muss Probleme lösen, auch unter Stress. Danach blieben beim letzten Mal nur noch 80 Bewerber übrig, die dann noch intensiver medizinisch untersucht wurden. Diese Untersuchungen sind besonders umfangreich und teuer.

Warum reicht kein gewöhnliches Attest von einem Arzt?

Alle, die sich beworben haben, sind gesund, denn schon für die Bewerbung musste man ein Zertifikat von einem Flugarzt vorlegen. Bei unserer medizinischen Untersuchung wird dann auf Kleinigkeiten geschaut. So wären Nierensteine auf der Erde nicht so ein großes Problem wie im All. Bei dieser Untersuchung erfährt man manchmal Dinge über sich, die man noch gar nicht weiß. Von den 80 Bewerbern blieben dann nur noch 20 übrig. Aus diesen wurden dann fünf Männer und eine Frau ausgesucht und zu Astronauten ausgebildet.

Weshalb gibt es so wenige Frauen unter den Astronauten?

Unter den Bewerbern befinden sich vorwiegend Absolventen aus technischen und naturwissenschaftlichen Studiengängen oder Piloten. Schon unter diesen ist der Anteil an Frauen eher gering. Man muss, um Astronaut zu werden, nicht unbedingt Pilot sein. Jeder Astronaut erhält eine Grundausbildung, wie man sich in der Sojus-Kapsel richtig verhält. Mit dieser russischen Kapsel fliegen wir zur Raumstation und zurück zur Erde. Man muss also keine komplizierten Manöver steuern können, um Astronaut zu werden. Ich möchte ganz klar auch Frauen dazu ermutigen, sich für eine Karriere in der Luft- und Raumfahrt zu bewerben!

Wo kann man ein Praktikum machen, um mal hineinzuschnuppern?

Das geht zum Beispiel beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) oder beim Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln. Wir haben viele Klassen da, die einen Tag im School-Lab machen, das heißt, sie verbringen hier einen Tag im Labor. Dort werden den Schülerinnen Weltraumversuche vorgestellt und sie können die Trainingshalle besichtigen. Außerdem kann man sich an "Jugend forscht"-Ausschreibungen und Wettbewerben beteiligen, dann weiß man schon mal, ob einem das Arbeitsumfeld gefällt.

Und jetzt?

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