"Bei den Lebenshaltungskosten habe ich mich gnadenlos verschätzt"

André Pascal Hoffmann ist zwei Jahre in England zur Schule gegangen

"Bei den Lebenshaltungskosten habe ich mich gnadenlos verschätzt"

André Pascal Hoffmann hat sein Abitur in Brighton gemacht. Direkt nach der 11. Klasse ist er im September 2011 nach England gegangen und hat dort bis Juni 2013 bei einer Gastfamilie gewohnt.

Warum wolltest du ins Ausland?

Die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, habe ich im Laufe meines zehnten Schuljahrs getroffen, da war ich noch auf der Realschule. Die eigentliche Motivation, welche mich vorangetrieben hat, war für mich ganz klar das Neue und Unberechenbare. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und die Monotonie und Beständigkeit haben mich in den Wahnsinn getrieben.

Warum hast du dich gerade für dieses Land entschieden?

England war nicht meine erste Wahl, nicht einmal die zweite sondern mein „Plan C". Dazu muss gesagt werden, dass ich meinen Weg ins Ausland nicht mit einem speziellen Land vor Augen geplant habe. Entscheidend für mich war der Abschluss, das „International Baccalaureate". Ich habe mich für Schulen in Afrika und Indien beworben, wurde aber bei beiden abgelehnt und habe schließlich England als gute Alternative gewählt.

Wie hast du deinen Auslandsaufenthalt finanziert?

Finanziert wurde ich von meinen Eltern. Diese hatten für mich bei meiner Geburt ein Konto angelegt, welches eigentlich der Finanzierung meines Studiums dienen sollte.

Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Deutschland?

Die Lebenshaltungskosten waren der erste von vielen Punkten, bei dem ich mich bei der Planung gnadenlos verschätzt habe. Ich habe bei einer Gastfamilie gewohnt, bei der ich pro Monat umgerechnet circa 650 Euro für mein Zimmer bezahlt habe, das Abendessen war inklusive. Zusätzliche Kosten fielen für die tägliche Verpflegung an, welche schon ziemlich hoch ausfallen können, wenn man sich wie ich bis zum Schluss nicht wirklich mit dem englischen Mensaessen anfreunden kann. Transportkosten von circa 500 Euro pro Jahr, bei einem sehr viel besser ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetz als ich es von Deutschland gewöhnt war, waren relativ erschwinglich. Doch das größte Problem, das ich zuvor am meisten unterschätzt hatte, waren die Währungsschwankungen. So hatte ich in meinem zweiten Jahr im Vergleich zum ersten bis zu 50 bis 80 Euro weniger im Monat.

Wie hast du den Aufenthalt organisiert? Was musstest du dabei alles bedenken?

Meine Organisation war eine Katastrophe. So hatte ich, weil ich die Informationen auf der Schulwebsite falsch verstanden hatte, einen Monat vor Schulbeginn noch keine Unterkunft. Die Schule vermittelte Gastfamilien nämlich nur an internationale Schüler außerhalb der EU. Also musste ich mich spontan selbst darum kümmern. Das endete mit einer Gastfamilie von einer privaten Internetplattform, die mir, zumindest zu diesem Zeitpunkt, noch sehr freundlich vorkam. Von der Unterkunft und der schulischen Planung abgesehen, habe ich wenig vorab organisiert. Das Meiste habe ich auf mich zukommen lassen und in meiner ersten Woche vor Ort geplant und geklärt.

Was waren deine Aufgaben? Wie sah ein typischer Tag aus?

Mein Tag begann um circa acht Uhr morgens mit einer 40-minütigen Busfahrt in einem mit Schülern überladenen Doppeldeckerbus, der im Sommer einer Sauna und im Winter einer Gefriertruhe glich. Um neun Uhr begann der Unterricht, was für mich als Morgenmuffel eine der größten Errungenschaften an englischen Schulen ist. Im Regelfall hatte ich Unterricht bis 14 Uhr (an manchen Tagen auch schon mal bis 16 Uhr) und die Zeit bis 18 Uhr verbrachte man standardmäßig in der schuleigenen Bibliothek.

Hast du dort Hausaufgaben gemacht?

Ja. Der für deutsche Verhältnisse lange Aufenthalt in der Bibliothek lag vor allem an dem Unterrichtssystem, welches wenig Schulstunden und dafür umso mehr Hausaufgaben vorsieht. Durchschnittlich waren für diese circa drei bis fünf Stunden pro Fach und pro Woche anberaumt, was bei sechs Fächern ungefähr einen ganzen Tag pro Woche ausschließlich für Hausaufgaben ausmachte. Eine Unterrichtswoche hatte hingegen nur um die 18 Stunden. Nach der Schule ging es dann nach Hause, essen und im Anschluss etwas entspannen. Von haushälterischen Pflichten war ich in meinen Gastfamilien glücklicherweise befreit.

Was war die größte Umstellung beziehungsweise der größte Unterschied zu Deutschland? Hattest du Probleme mit der Sprache?

Eine Sache, die für mich ungewohnt war, ist die Ungezwungenheit der Engländer, mit wildfremden Leuten ein Gespräch zu beginnen. So wurde ich zum Beispiel in meiner ersten Woche auf meinem Weg nach Hause von einer älteren Dame, die im Bus neben mir saß, angesprochen, die mir nach einem freundlichen „Hello" ihre tiefe Verbundenheit zu Segelbooten offenbarte. Die darauf folgende Verwirrung meinerseits führte dazu, dass ich mich in den folgenden drei Wochen im Bus prinzipiell schlafend stellte, um weiteren kuriosen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Das Schlimmste an diesem ersten Gespräch war nämlich, dass ich die Dame nach einigen Minuten entschuldigend anlächelte, um ihr dann mitzuteilen, dass es mir schrecklich leid täte, ich aber abgesehen von ihrer Begrüßung kaum ein Wort verstanden hätte. Dieses Beispiel verdeutlicht außerdem, wie sich mein, wie ich fand, überdurchschnittliches Schulenglisch im Alltagstest als absolut ungenügend herausstellte. So weiß ich auch bis heute nicht wirklich, was wir in den ersten zwei Monaten an Stoff in der Schule durchgenommen haben, da ich mehr Zeit mit meinem Wörterbuch als mit den Schulbüchern verbracht habe.

Was sollte man in England unbedingt gesehen oder gemacht haben?

Brighton ist mit dem Zug circa 30 Minuten von London entfernt, was die Frage beantworten sollte. Allein wegen der Atmosphäre in dieser Weltstadt ist ein Besuch lohnenswert, allerdings sollte man meiner Meinung nach China Town meiden. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so schlechtes und zugleich so überteuertes Essen bestellt.

Was war das absolute Highlight?

Das Highlight meines Englandaufenthalts war der Sommer in meinem ersten Jahr, den wir zum größten Teil an Brightons Strand verbracht haben. Selbst nachts sitzen, wenn das Wetter schön ist, viele Leute am Strand um zu feiern, zu essen oder sich zu unterhalten.

Gibt es ein Erlebnis, das nicht so schön war?

Der absolute Tiefpunkt der zwei Jahre war im dritten Monat, als ich es bei meiner Gastfamilie nicht mehr ausgehalten habe und zu einer anderen Familie gezogen bin. Was vor allem daran lag, dass ich nicht nur unglaublich schlechtes, sondern meistens einfach gar kein Essen bekommen habe, für das ich eigentlich Geld bezahlt hatte.

Wurden deine Erwartungen erfüllt?

Was meine Erwartungen betrifft, so kann ich nur sagen, dass ich mir nie im Leben hätte vorstellen können, zwei so unglaubliche Jahre erleben zu dürfen. Die Zeit, die ich in England verbracht habe, war für mich unbezahlbar und ich kann nur jedem, der mit dem Gedanken spielt ins Ausland zu gehen, ermutigen, den Schritt zu wagen. Er ist es wert!

Würdest du im Nachhinein irgendetwas anders machen?

Das Einzige, was ich im Nachhinein anders machen würde, ist die Scheu, mit anderen Engländern auf Englisch zu sprechen in der ersten Woche zu überwinden. Denn so habe ich fast drei Monate an wertvollen und interessanten Gesprächen verpasst.

Hast du einen Tipp für alle, die ein Gap-Year planen?

Wenn man für längere Zeit ins Ausland gehen möchte, sollte man sich gut überlegen, ob man mit der Tatsache zurechtkommt, seine Freunde zurückzulassen. Und ich rede nicht nur von denen, die man bereits hat, sondern auch von denen, die man neu kennenlernt. Ich habe mir das Ganze leichter vorgestellt, als es war. Was die Sprachkenntnisse angeht, so sollte man sich um diese am wenigsten Sorgen machen, eine gewisse Grundkenntnis ist zwar essentiell, aber davon abgesehen wird selbst der langsamste Lerner schnell besser, wenn er die Sprache 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche benutzt.

Wie ging es nach deinem Auslandsaufenthalt weiter? Hatten deine Erfahrungen aus dem Gap-Year einen Einfluss auf deine Zukunftspläne?

Seit Dezember 2013 absolviere ich ein Praktikum bei DMG Mori Seiki, welches noch bis Ende August 2014 dauert. Ab Herbst fange ich dann mit meinem Studium in Wirtschaftsingenieurwesen im Fachbereich Maschinenbau an der Technischen Universität in Wien an. Vorausgesetzt das Studium verläuft gut, steht für den Master Amerika auf dem Plan.

Wie geht es weiter?

Web-Adresse: https://blicksta.de/bei-den-lebenshaltungskosten-habe-ich-mich-gnadenlos-verschaetzt.html
© blicksta 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Medienfabrik Gütersloh GmbH