"Es war unheimlich schön, mit Menschen zu arbeiten"

Kolja berichtet von seinem Zivildienst in einer Schule für körperlich und geistig behinderte Kinder

"Es war unheimlich schön, mit Menschen zu arbeiten"

Kolja Zantop (24) hat seinen Zivildienst in der Albatrosschule in Bielefeld-Senne gemacht, einer Schule für körperlich und geistig behinderte Kinder. Er war direkt nach dem Abitur für ein Schuljahr dort und studiert jetzt, im Herbst 2014, Englisch und Geschichte auf Lehramt.

Warum hast du ein Gap-Year gemacht?

Ich wusste während der Zeit am Gymnasium noch nicht, was ich nach dem Abitur machen möchte. Dazu kam, dass es damals für die meisten Jungen noch obligatorisch war, entweder den Wehr- oder Zivildienst abzuleisten. Für mich kam der „Dienst an der Waffe“ nie in Frage, deswegen lag es recht nahe, stattdessen lieber etwas im sozialen Bereich zu machen.

Wie hast du die Stelle gefunden?

Die Albatrossschule war mir bereits durch ein einwöchiges Praktikum zu einem früheren Zeitpunkt bekannt.

Was waren deine Aufgaben?

Meine Aufgaben reichten generell von pflegerischen und unterstützenden Tätigkeiten während der Unterrichtszeit bis zu kleineren hausmeisterlichen Tätigkeiten und Reinigungsarbeiten. Die meiste Zeit habe ich einen Schüler betreut, das heißt, ihm beim Essen geholfen, ihn im Unterricht oder zum Schwimmen begleitet, Toilettengänge mit ihm erledigt und dergleichen.

Wie sah ein typischer Tag aus?

Ein normaler Arbeitstag für Zivildienstleistende und FSJ´ler dauerte normalerweise von 7.30 Uhr bis circa 15.30 Uhr und begann in der Regel damit, dass die Schüler von den Bussen abgeholt wurden und in ihre Klassen gingen, beziehungsweise gebracht oder begleitet wurden. Nach einem Begrüßungskreis fand der Unterricht in Lerngruppen statt. Zwischen Frühstück und Mittagessen folgte in der Regel eine weitere Unterrichtseinheit im Klassenverbund, meistens zu einem bestimmten Projekt. Nachmittags wurden Arbeitsgruppen oder verschiedene andere Aktivitäten, wie beispielsweise Basteln und Backen, angeboten. Nachdem die Schüler mit den Bussen wieder abgeholt wurden, folgten gegebenenfalls noch diverse Reinigungs- und Aufräumarbeiten. Ich habe zum Beispiel den Müll entsorgt, die Toiletten gereinigt und desinfiziert oder die am Schultag benutzten Fortbewegungsmittel aufgeräumt. Auch das Geschirrspülen in der Küche und gegebenenfalls Schneeschieben, Laub fegen oder Ähnliches gehörte zu meinen Aufgaben.

Wovon hast du in der Zeit gelebt?

Der Zivildienst wurde vergütet. Da meine Einsatzstelle in der Nähe meines Wohnorts lag, musste ich keine gesonderte Unterkunft beziehen. Die Tatsache, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben - abgesehen von kleineren Nebenjobs - mein eigenes Geld verdient habe, war natürlich auch äußerst reizvoll zu dieser Zeit.

Was war das schönste Erlebnis in dieser Zeit?

Es war unheimlich schön, mit Menschen, insbesondere Kindern, zu arbeiten und einen Teil ihrer Entwicklung aktiv miterleben zu dürfen. Täglich Fortschritte beobachten zu können und das Gefühl zu haben, wirklich nützlich zu sein, hat mir stets Freude bereitet. Natürlich waren auch manchmal Rückschritte dabei.

Gab es etwas, an das du dich erst gewöhnen musstest?

Am Anfang fiel es mir auf jeden Fall schwer, eine Routine für die täglich stattfindenden Abläufe zu entwickeln. Auch ein Gespür für die sehr individuellen Bedürfnisse der einzelnen Schüler in den zum großen Teil sehr vielfältigen und unterschiedlichen Klassen zu bekommen, dauerte eine gewisse Zeit.

Welche Erwartungen hattest du vorher? Sind sie erfüllt worden?

Ich hatte an sich keine großen Erwartungen an den Zivildienst. Ich habe mich einfach gefreut, ein Jahr der Ahnungslosigkeit in Bezug auf meine Zukunft überbrücken zu können und mit Menschen in einem für mich in dem Ausmaß noch unbekannten Rahmen arbeiten zu können.

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, kann ich kaum in Worte fassen, wie viel es mir persönlich und in meiner Entwicklung gebracht hat. Es gab unzählige große und kleine schöne Momente mit den Schülern, Zivis, FSJ´lern oder Lehrern (und anderen in allerlei Funktionen in der Schule tätigen Menschen), die mich gerne an diese Zeit zurückdenken lassen. Das Gefühl, nützlich zu sein und Verantwortung zu tragen, hat mich persönlich reifen lassen.

Würdest du im Nachhinein irgendetwas anders machen?

Im Nachhinein war es wohl die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe! Ich würde jedem, der eventuell noch nicht weiß, was er nach der Schule mit sich anfangen soll, empfehlen, ein Gap-Year, in welcher Form auch immer, in Betracht zu ziehen.

Wie ging es danach für dich weiter? Hatten deine Erfahrungen aus dem Gap-Year einen Einfluss auf deine Zukunftspläne?

Nach dem Zivildienst habe ich ein weiteres Jahr in einer anderen Schule als Integrationshelfer für einen körperlich eingeschränkten Jugendlichen gearbeitet. Mein Gap-Year hat mich im Hinblick auf meine berufliche Zukunft entscheidend geprägt, sodass ich danach anfangen wollte, selbst Sonderpädagogik zu studieren. Letztendlich mache ich zurzeit „nur“ ein „normales“ Lehramtsstudium. Meinen ursprünglichen Plan halte ich jedoch keinesfalls für ausgeschlossen. Vielmehr ist es nach wie vor mein Wunsch, später Sonderschullehrer zu werden.

Und jetzt?

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