"Ich hatte keine Sekunde lang Heimweh" - Teil 2

Kristina, 26, berichtet von ihrem Auslandsaufenthalt in Kanada

"Ich hatte keine Sekunde lang Heimweh" - Teil 2

Kristina Sauerstein, 26, liebt Kanada: Sie hat zuerst ein Auslandssemester während des Bachelor-Studiums in Vancouver gemacht (April bis Oktober 2009) und ist dann zwischen Bachelor und Master (September 2010 bis Juni 2011) noch einmal nach Kanada gegangen. Im zweiten Teil des Interviews mit blicksta berichtet sie von ihren Erfahrungen dort. Teil eins findest du hier.

Was war die größte Umstellung bzw. der größte Unterschied zu Deutschland?

Durch die Ähnlichkeit der westlichen Kultur ist es als Deutscher sehr einfach, zurechtzukommen. Insgesamt ist Kanada durch die Nähe zu den USA sehr amerikanisch geprägt. Es gibt natürlich trotzdem Unterschiede, an die man sich erst einmal gewöhnen muss.
So kann es z.B. durchaus sein, dass die Supermarktkassiererin nach deinem Wochenende fragt oder dir ein Kunde seine Probleme bei seiner Arbeit berichtet. Das ist anfangs etwas befremdlich, man fühlt sich dadurch aber schnell willkommen. Kanadier sind generell deutlich glücklicher und entspannter und lassen sich nicht stressen. Das ist meistens sehr angenehm, kann aber auch nerven. Zum Beispiel nehmen es viele mit der Pünktlichkeit nicht so genau. Zudem sind Kanada im Allgemeinen und Vancouver im Speziellen sehr international. Das ist ebenfalls anfangs ungewohnt, aber sehr angenehm, da ein großer Respekt und eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit verschiedenen Kulturen im Alltag herrschen und jegliche Diskriminierung den Kanadiern fremd ist.

Was war noch anders als in Deutschland?

Die Kanadier lieben ihre Natur und gehen sehr respektvoll damit um. Das sollte man als Gast in diesem Land auch tun und außerdem vorsichtiger sein, da gefährliche Tiere nichts Ungewöhnliches sind. Kojoten und Berglöwen in der Nachbarschaft oder beim Zelten sind keine Seltenheit. Aber auch einen Bären konnten wir einmal in unserem Garten begrüßen. Am gewöhnungsbedürftigsten sind aber wahrscheinlich die Entfernungen, die man als Deutscher permanent unterschätzt.

Woran liegt das?

Es ist eben ein riesiges Land. Allein die Provinz British Columbia ist viermal so groß wie Deutschland. Für die Kanadier ist es aber völlig normal, für einen Kaffee mit Freunden schon mal zwei bis drei Stunden Auto zu fahren oder in den Vororten, die 1,5 Stunden von der eigentlichen Stadt entfernt sind, zu wohnen. Lange Trips per Zug oder Bus gehören zum Alltag. Ich habe das aber immer sehr genossen. Es sind letztendlich die vielen Kleinigkeiten, die das Leben dort doch deutlich von dem hier unterscheiden.

Was sollte man in Kanada unbedingt gesehen oder gemacht haben?

In Vancouver gibt es viel, das man unternehmen kann: Pflicht ist auf jeden Fall eine Fahrradtour um den Stanley Park, die vielen innerstädtischen Strände, eine Bootstour nach North Vancouver und der Lookout am Harbour Centre. Vom Burnaby Mountain Park an der Uni hat man einen fantastischen Ausblick. In der Umgebung sollte man einmal auf Grouse Mountain gewesen sein und auf Cypress Mountain Skifahren gehen, da man dort einen tollen Blick auf Stadt, Meer und umliegende Berge hat. Der Sea-to-Sky Highway von Vancouver nach Whistler ist mit vielen kleinen Zwischenstopps ebenfalls sehr sehenswert. Die Vororte haben tolle Wanderrouten und kleine Seen, z.B. den White Pine Beach und den Buntzen Lake. British Columbia an sich ist sehr abwechslungsreich. Vancouver Island ist eher mild, dort lohnt sich vor allem der kleine Surferort Tofino mit seinen unberührten Stränden und einer Hippie-Mentalität. Whale Watching dort ist ein unvergessliches Erlebnis. Auch ein Wochenendtrip ins zwei Stunden entfernte Seattle lohnt sich.

Hast du weitere Tipps?

Ist man länger in Kanada, ist ein (mindestens zweiwöchiger) Trip in die Rocky Mountains Pflicht und bisher wohl das Tollste, was ich erlebt habe. 12 Stunden Fahrt von Vancouver entfernt, warten dort beeindruckende Bergpanoramen, glasklare Seen, reißende Flüsse, spektakuläre Wasserfälle, riesige Gletscher, unendliche Wälder, romantische Orte und viel unberührte Natur und seltene Tiere auf den Besucher. Ist man im Frühjahr da, blühen in der ganzen Stadt die Kirschblüten, ähnlich wie in Japan. Im Herbst dagegen sollte man Kürbisse schnitzen. Außerdem sollte man unbedingt ein Eishockeyspiel sehen (die Kanadier sind völlig verrückt danach und es ist ein aufregender Sport) und ein Tim Hortons besuchen – dort gibt es den besten Kaffee.

Was war das absolute Highlight?

Mein absolutes Highlight waren die Reisen in die Rockies und nach Vancouver Island, speziell Tofino. Dort habe ich Rafting gemacht, einen Surfkurs belegt, Whale Watching ausprobiert und die Natur besonders nah erlebt. Aber eigentlich habe ich fast jeden Tag genossen, da die Lebensqualität durch das viele Wasser, die vielen Wälder, die nahen Berge, das vielfältige kulturelle Angebot und die vielen freundlichen Menschen sehr hoch ist und selbst der Alltag nicht langweilig wird.

Gibt es ein Erlebnis, das nicht so schön war?

Nicht so schön war ein Praktikum beim Fernsehen, da dort die Arbeitsatmosphäre sehr angespannt war. Außerdem gibt es natürlich auch in Vancouver Schattenseiten wie Kriminalität, Drogenmissbrauch und Obdachlosigkeit. Ich persönlich habe aber selbst dort keine negativen Erfahrungen gemacht.

Wurden deine Erwartungen erfüllt?

Meine Erwartungen wurden bei weitem übertroffen. Nicht umsonst bin ich so bald wie möglich wieder zurückgekehrt, um Land und Kultur weiter kennenzulernen. Ich bin noch immer fasziniert von der beeindruckenden Natur, den offenen und entspannten Menschen, der vielfältigen internationalen Kultur und der Schönheit der Stadt und des Landes.

Hast du einen Tipp für alle, die ein Gap-Year planen?

Mein Tipp ist auf jeden Fall, keine Angst vor dem Ausland zu haben, die Chance zu nutzen und so viel wie möglich zu sehen und zu erleben. Versucht außerdem, mit Einheimischen und anderen internationals in Kontakt zu kommen statt nur mit Deutschen „rumzuhängen“ – man kann viel lernen, sieht Dinge aus anderen Perspektiven und schließt Freundschaften fürs Leben mit Menschen aus aller Welt. Ich habe meine Zeit gut genutzt und würde im Nachhinein eigentlich nichts anders machen außer vielleicht dort zu bleiben.

Wie ging es nach deinem Auslandsaufenthalt weiter? Hatten deine Erfahrungen aus dem Gap-Year einen Einfluss auf deine Zukunftspläne?

Nach meinen Aufenthalten in Kanada musste ich mich erstmal wieder an das Leben in Deutschland gewöhnen. Ich denke, dass man sich bei einem längeren Auslandsaufenthalt weiterentwickelt, selbstständiger wird und neue Sichtweisen kennenlernt, die einem auch beruflich Perspektiven eröffnen. Ich versuche seitdem, Dinge gelassener zu nehmen und mich auch an kleinen Dingen zu erfreuen. Mitgenommen habe ich auf jeden Fall die Leidenschaft fürs Reisen dafür, und neue Kulturen kennenzulernen. Deshalb habe ich im Masterstudium noch ein Auslandssemester in Schweden verbracht.

Die Möglichkeit, für längere Zeit aus beruflichen Gründen oder sogar dauerhaft im Ausland zu leben, schließe ich nicht aus. Die Liebe zu dem wunderbaren Land Kanada wird mir jedenfalls für immer erhalten bleiben.

Wie geht es weiter?

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