Interview: Studieren in Frankreich

Expertin Agnès Bousset verrät, wie sich das Studium in Deutschland und Frankreich unterscheiden

Interview: Studieren in Frankreich

Agnès Bousset ist Hochschulbeauftrage im Maison du France in Berlin. Dort berät sie Schüler und Studenten, die gerne ihr komplettes Studium oder einen Teil in Frankreich absolvieren möchten. Aber wie entscheidet man sich für ein Programm? Und für eine Uni? Und wie finanziert man das? Wir haben mit Agnès Bousset darüber gesprochen, welche Unterschiede es zwischen dem Studium in Deutschland und Frankreich gibt und wie man für sich eine gute Entscheidung trifft.

Frau Bousset, was würden Sie jemandem raten, der überlegt, direkt nach dem Abitur in Frankreich zu studieren?

Ich rate meist davon ab. Das liegt daran, dass wir in Frankreich ein anderes Hochschulsystem haben als in Deutschland. Wir haben in den meisten Fächern keinen Numerus Clausus wie in Deutschland. Bei uns ist dafür das erste Jahr an der Uni schwierig, was dazu führt, dass viele Studenten doch noch abbrechen oder das Fach wechseln. Deshalb ist gerade das erste Jahr für ausländische Studenten anstrengend. Generell würde ich eher empfehlen, nach dem Abitur ein binationales Studium oder ein Erasmusjahr zu machen.

Was genau ist ein binationales Studium?

Ein binationales Studium findet in zwei Ländern an zwei Hochschulen statt. In Deutschland haben viele Hochschulen Kooperationen mit französischen Hochschulen. Auf der Internetseite der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) gibt es auch eine umfassende Liste dieser binationalen Studiengänge. Oft verbringt man die Semester oder Jahre abwechselnd an der einen und der anderen Uni. Hinterher spricht man fließend Französisch und hat auch sehr viel über die französische Kultur gelernt.

Wem empfehlen Sie ein Erasmussemester oder -jahr?

Ins Ausland zu gehen ist meiner Meinung nach heutzutage Pflicht. Mit Erasmus ist man etwas flexibler und nicht auf bestimmte Universitäten festgelegt. Außerdem ist das auch für diejenigen gut, die noch nicht so gut französisch sprechen.

Warum sollte man Ihrer Meinung nach Französisch lernen?

Frankreich und Deutschland sind innerhalb Europas sehr eng miteinander verbunden. Nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich. Es gibt mehr als 1600 französische Firmen, die in Deutschland aktiv sind, und über 2700 deutsche Unternehmen in Frankreich. Die brauchen Mitarbeiter, die die Sprache beherrschen und die Kultur kennen.

Wie unterscheidet sich das Studium in Frankreich vom Studium in Deutschland?

Der größte Unterschied ist, dass die französischen Unis verschulter sind als die deutschen. Man muss viel auswendig lernen und es gibt viel Frontalunterricht. Dafür gibt es nicht so viele Hausarbeiten oder längere Texte, die man schreiben muss. Das ist für viele Studenten sehr positiv.

Wie sollte man vorgehen, wenn man sich überlegt, zum Studieren nach Frankreich zu gehen?

Man sollte sich genau überlegen, was man machen möchte. Ich frage diejenigen, die zur Beratung kommen, immer: Was möchtest du lernen? Wo fühlst du dich wohl? So kann man herausfinden, ob man eher mehr Betreuung haben möchte oder ob man möglichst unabhängig sein will. Oder ob man an einer großen Uni oder in einem kleinen binationalen Studiengang studieren möchte.

Was ist noch wichtig?

Wir helfen vor allem bei praktischen Problemen. Wie schreibe ich mich ein? Wie finde ich die Kurse, die ich belegen möchte? Wie erhalte ich Wohngeld? All diese Fragen sollte man schon in Deutschland angehen.

Wo findet man dazu Informationen?

Auf unserer Internetseite haben wir alles zusammengestellt, was man wissen muss. Zum Beispiel, dass man mehrere beglaubigte Kopien seiner Geburtsurkunde mitnehmen sollte und Massen von Passfotos, weil man beides in Frankreich sehr oft braucht. Eine weitere Besonderheit ist, dass viele Franzosen noch mit sogenannten Scheckheften bezahlen. Auch zu diesem Thema gibt's bei uns alle Informationen.

Das hört sich ja auch noch viel Organisationsarbeit an, oder?

Ja, natürlich gibt es einiges zu organisieren. Aber ich kann nur jedem raten, sich davon nicht abschrecken zu lassen und ins Ausland zu gehen. Es lohnt sich absolut, diese Erfahrung zu machen!

Wie geht es weiter?

Web-Adresse: https://blicksta.de/interview-studieren-in-frankreich.html
© blicksta 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Medienfabrik Gütersloh GmbH