Kann ich auch erst eine Familie gründen und dann eine Ausbildung machen?

Die blicksta-Dienstagsfrage

Kann ich auch erst eine Familie gründen und dann eine Ausbildung machen?

An dieser Stelle beantworten wir jede Woche eine Frage. Wenn du auch eine Frage hast, melde dich gerne unterdienstagsfrage@blicksta.de bei uns!

Mein Freund ist schon älter als ich und sagt, dass ich nach der Realschule keine Ausbildung brauche. Wir könnten ja auch schnell eine Familie gründen und dann würde ich ja eh erst mal nicht arbeiten. Meine Eltern finden meinen Freund furchtbar und meinen, ich soll auf jeden Fall eine Ausbildung machen... Ich bin mir unsicher. Was soll ich machen?

Die Sache ist ziemlich eindeutig: Deine Eltern haben recht (was das Thema Ausbildung angeht). Auch, wenn du das jetzt vielleicht nicht so gerne hören möchtest, aber: Eine Ausbildung (oder ein Studium) ist in Deutschland sehr wichtig. Auch, wenn man schnell eine Familie gründen möchte und auch, wenn man vorhat, mit einem kleinen Kind eine Weile nicht zu arbeiten. Warum? Erklären wir dir jetzt.

Der "normale" Weg: Schule, Ausbildung, Familie

Vermutlich hast du auch schon gehört, wie der Einstieg ins Berufsleben normalerweise verläuft: Du gehst zur Schule, machst einen Abschluss und danach eine Berufsausbildung (oder ein Studium). Wenn du direkt nach deinem Realschulabschluss in die Ausbildung startest, bist du oft noch nicht einmal 20 Jahre alt, wenn du deine Berufsausbildung abgeschlossen hast. Die meisten Frauen arbeiten nach dem Ende ihrer Ausbildung dann einige Jahre, bevor sie (wenn sie möchten) eine Familie gründen. Warum? Weil es so oft einfacher ist, wieder in den Job einzusteigen. Wenn du eine unbefristete Stelle in einem Betrieb oder einem Unternehmen hast, hast du ein Recht darauf, nach der Babypause dort wieder einzusteigen.

Der Weg, den dein Freund vorschlägt

Warum erzählen wir dir das alles? Weil das ohne Ausbildung, so wie es dein Freund vorschlägt, natürlich nicht der Fall ist. Dann würde es so ablaufen: Du machst deinen Realschulabschluss. Wenn alles schnell klappt, bekommst du kurze Zeit später ein Kind, das du ein Jahr oder vielleicht auch mehrere Jahre betreust. Irgendwann geht dein Kind in den Kindergarten, mit ungefähr sechs Jahren in die Schule. Spätestens dann stellt sich die Frage: Was tun? Eine Ausbildung hast du dann nicht, du bist aber schon seit mehr als sechs Jahren nicht mehr in der Schule gewesen. Die meisten anderen in deinem Alter haben zu dieser Zeit ihre Ausbildung schon längst abgeschlossen und arbeiten bereits einige Jahre in ihrem Beruf. Vielleicht sind sie sogar schon aufgestiegen und leiten ein kleines Team.

Dein erster Schritt zu diesem Zeitpunkt wäre aber, einen Ausbildungsplatz zu finden. Hierbei stehst du in Konkurrenz zu sehr viel jüngeren Absolventen, die gerade mit der Schule fertig sind. Vielleicht könntest du deine Ausbildung auch nicht in Vollzeit machen, da du dein Kind nach der Schule betreuen müsstest. Es gibt zwar immer mehr Ausbildungsgänge, die in Teilzeit angeboten werden - der Normalfall ist das aber nicht. Eine Ausbildung dauert ungefähr drei Jahre. Danach musst du dir, falls dein Unternehmen dich nicht übernimmt oder du eine schulische Ausbildung gemacht hast, eine Stelle suchen. Falls ihr mehrere Kinder bekommen möchtet, wäre die Frage, wann. Denn ein weiteres Kind während der Ausbildung zu bekommen, würde bedeuten, dass sich diese noch mal verlängert (Hier findest du genauere Infos dazu). Danach würdest du vor dem gleichen Problem erneut stehen, nämlich: einen Job zu finden.

Warum "erst mal" entscheidend ist

Du schreibst in deiner Frage, dass dein Freund meint, dass du "erst mal" nicht arbeiten wirst, wenn ihr eine Familie gründet. Das ist, zumindest wenn es so läuft, wie gerade beschrieben, richtig. Aber das ist leider keine gute Begründung dafür, keine Ausbildung zu machen. Denn wie du gerade gesehen hast, entstehen dadurch neue Probleme und das Thema verschiebt sich nur. Denn: Irgendwann wirst du arbeiten wollen (vielleicht auch müssen), und dann stehst du ohne Ausbildung da. Natürlich gibt es auch Jobs, die du so machen kannst - es werden aber immer weniger und Bewerber mit Ausbildung werden immer die besseren Chancen haben.

Und, auch ein wichtiger Punkt: Die Entscheidung für ein Kind beeinflusst dein (Arbeits-) Leben viel mehr als das deines Freundes. Als Mutter wärst du diejenige, die erstmal keine Ausbildung machen kann und vielleicht sogar ein paar Jahre zuhause bleibt bzw. dann nur in Teilzeit arbeiten kann. Auch wenn ihr das jetzt wahrscheinlich beide anders seht, haben es die Männer da schon etwas leichter, weil sie meistens ganz normal in Vollzeit weiter arbeiten können.

Was du tun kannst

Natürlich können und wollen wir dir nicht vorschreiben, wie du dein Leben leben solltest. Wir können dir nur ausdrücklich empfehlen, dir darüber Gedanken zu machen, was dein Freund da vorschlägt. Wenn du das Gefühl hast, dass er dich unter Druck setzt oder zwingen möchte, erst einmal die Familienplanung anzugehen und keine Ausbildung, solltest du dir überlegen, ob du das wirklich willst. Mach dir klar, was die Folgen wären.

Wenn du zu dem Schluss kommst, dass dieser Weg der Richtige ist: okay. Dann geh diesen Weg. Wenn nicht, solltest du aktiv werden und mit ihm reden. Wenn du das Gefühl hast, dass er davon nichts hören will, hol dir Hilfe. Das können deine Eltern oder Freunde sein - aber auch Mitarbeiter einer Beratungsstelle, zum Beispiel von Pro Familia. Wichtig ist: Du solltest dich auf keinen Fall zu einem Weg zwingen lassen, den du selbst nicht willst.

Wir wünschen dir alles Gute!

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