Menschen helfen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen

Jannik Schulz (22) erzählt von seiner Zeit als Zivi in einer Klinik für Psychotherapie und Suchtmedizin

Menschen helfen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen

Jannik Schulz (22) hat nach seinem Abitur seinen Zivildienst an der Hellweg Klinik in Oerlinghausen, einer Fachklinik für Psychotherapie und Suchtmedizin, gemacht. Nach den sechs Monaten, die das Gesetz vorschrieb, hat er um sechs Monate verlängert. Der Zivildienst wurde zwar mittlerweile abgeschafft, doch im Bundesfreiwilligendienst kannst du dich heute vergleichbar engagieren.

Warum hast du Zivildienst gemacht?

Als ich mit meinem Abitur fertig war, war die Diskussion, den Zivildienst zu kürzen oder ganz abzuschaffen, in vollem Gange. Ich habe mich dennoch für den Zivildienst entschieden, weil ich mir nicht sicher war, ob ich lieber ein Studium oder eine Ausbildung anfangen sollte. Beides hätte ich erst später im Jahr machen können. Für mich war der Zivildienst die beste Zwischenlösung. Zudem reizte es mich, einfach mal nur zu arbeiten – kein Lernen, keine Prüfungen und so weiter.

Du hast dann freiwillig verlängert?

Ja, da wußte ich schon, dass ich dual studieren werde. Die Zeit bis zum Studienstart blieb ich dann in der Fachklinik für Psychotherapie und Suchtmedizin, weil es mir dort sehr viel Spaß gemacht hat und ich viele Menschen kennengelernt habe.

Warum hattest du dich für die Fachklinik entschieden?

Sie war für mich von Anfang an eine sehr spannende Einrichtung. Fachlich ist die Klinik auf Psychotherapie und Suchtmedizin ausgerichtet und dies sind meiner Meinung nach Themen, mit denen man nicht alltäglich in Kontakt kommt.

Wie hast du die Stelle gefunden?

Meine Mutter arbeitet in der Klinik und hat mich auf die Stelle und den Zivildienst aufmerksam gemacht. Ich habe mich dann beim Träger beworben.

Was waren deine Aufgaben? Wie sah ein typischer Tag aus?

700 km gehörten für mich zu einer ganz normalen Woche, da ich primär im Fahrdienst der Klinik eingesetzt wurde. Dort waren wir zu zweit. Wir haben Patienten aus Entzugskliniken abgeholt, zu Ärzten und Veranstaltungen gefahren und noch viel mehr. Auch die möglichst effiziente Organisation und Planung der Fahrten gehörte zu meinen Aufgaben.

Hast du auch in der Pflege gearbeitet?

Nicht direkt, aber unterstützend: Jeden Morgen mussten Blutproben, ärztliche Dokumente oder Medikamente zum Labor transportiert und abgeholt werden – selbstverständlich sicher unter Verschluss. Ich hatte einen geregelten Arbeitstag und meistens pünktlich Feierabend. So kamen auch die Freizeit und meine Hobbys nicht zu kurz.

Wovon hast du in der Zeit gelebt? Wie wurde deine Leistung vergütet?

Ich habe die offizielle Vergütung als Zivi bekommen. Für mich war das mehr als ausreichend, da ich Zuhause gelebt habe. Zur Grundvergütung kamen Zuschüsse für Verpflegung, Arbeitskleidung und Unterkunft. In der freiwilligen Verlängerung gabs einen weiteren Zuschuss, sodass ich fleißig auf ein Auto und eine Australienreise (die ich auch gemacht habe) sparen konnte.

Was war das schönste Erlebnis in dieser Zeit?

Die ganze Zeit war voller schöner Momente. Besonders waren die Tage, an denen ein Patient seine Therapie erfolgreich abgeschlossen hatte und die Klinik verlassen konnte. Am schönsten war dann immer das Wort „Danke“. Es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass ein Mensch nun in seinem Leben hoffentlich wieder auf dem richtigen Weg ist.

Gab es etwas, an das du dich erst gewöhnen musstest?

Am Anfang war es schwer, zu beobachten, wie schlecht es manchen Menschen geht. Es ist nicht leicht nachzuvollziehen, was sie erlebt haben und wie schwer der Umgang mit einer Sucht oder Depression ist. Während der einen oder anderen längeren Autofahrt kam ich mit den Patienten ins Gespräch und sie erzählten mir ihre Geschichte meist von alleine – und es waren viele Geschichten dabei, die bei mir eine Gänsehaut und starkes Mitempfinden hervorgerufen haben.

Wie bist du damit klar gekommen?

Durch Gespräche mit den Fachtherapeuten oder anderen Mitarbeitern der Klinik habe ich schnell gelernt, wie man damit umgeht und es verarbeitet. Im Grunde ist es auch ein schönes Gefühl zu wissen, dass ein Mensch seine Erfahrungen mit einem teilen möchte – das ist nämlich nicht selbstverständlich. Solche Geschichten prägen und man sieht die Welt zum Teil mit anderen Augen.

Sind deine Erwartungen erfüllt worden?

Zu Beginn des Zivildienstes hatte ich keine großen Erwartungen. Ich war froh, einfach „nur zu arbeiten“ und gespannt auf die Aufgaben und Zusammenarbeit mit den Kollegen. Im Nachhinein war es eine super Zeit. Ich habe viel erlebt, gelernt, gelacht und das wichtigste: Ich habe tolle Menschen kennengelernt.

Dein Tipp für Schüler, die ein Gap-Year machen wollen?

Nehmt euch die Zeit und sammelt die Erfahrung. Was habt ihr zu verlieren? Wozu die Eile? Entdeckt euch selbst und tut etwas Verrücktes. Ob Work&Travel, Bufdi oder sonst was – es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten. Man lernt wirklich etwas fürs Leben und entwickelt seine Persönlichkeit weiter. Ich möchte meine Erfahrungen nicht missen.

Wie gings nach deinem Gap-Year weiter?

Ich studiere heute dual bei Bertelsmann und arbeite als Consultant in einer Kommunikationsagentur. Mein Zivildienst hat die Entscheidung nicht direkt beeinflusst. Doch er hat meinen Charakter geprägt, meine Anschauung auf manche Dinge und mein Verhalten gegenüber anderen Menschen verändert. Ich habe gelernt, dass nicht alles im Leben selbstverständlich ist.

Wie geht es weiter?

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