Klemens Ginter

„Ein Ingenieur ist kein bleichgesichtiges Wesen“

„Ein Ingenieur ist kein bleichgesichtiges Wesen“

Muss man ein Nerd sein, um ein guter Ingenieur zu werden? Prof. Dr.-Ing. Klemens Ginter meint: Nein!

Klemens Gintner ist Professor für Sensorik und Elektronik und lehrt an der Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft. Im blicksta-Interview erzählt er, wie man sich den Ingenieur-Beruf vorstellen kann und was das iPhone mit einem Ingenieurstudium zu tun hat.

Herr Gintner, was macht ein Ingenieur?

Kurz zusammengefasst: Er beschäftigt sich mit Technik. Entgegen aller Vorurteile ist ein Ingenieur allerdings kein bleichgesichtiges Wesen, das irgendwo in einem Kabuff sitzt und wie Daniel Düsentrieb etwas entwickelt. Wenn jemand ein Ingenieurstudium beginnt, heißt das noch lange nicht, dass er ein Nerd sein muss oder ein Nerd wird.

Ist das Studium eher theoretisch oder praktisch ausgerichtet?

Man lernt im Studium etwas, das man später wirklich braucht. Das heißt aber nicht, dass man ein Rezept in die Hand bekommt und anschließend sagen kann: Das und das wird so und so gelöst. Man lernt, logisch zu denken und Zusammenhänge zu erkennen. Man bekommt sozusagen einen Werkzeugkasten an die Hand, mit dem man neue Dinge und ganz neue Lösungswege entwickeln kann. Viele denken, ein Ingenieurstudium sei staubtrocken, quasi „Mathe deluxe“. Das stimmt aber nicht. Schon im Studium setzen die Studierenden praktische Projekte um.

Was für Projekte sind das zum Beispiel?

Unsere Mechatronik-Studenten haben zum Beispiel einen intelligenten Blindenstock entwickelt. Der verfügt über Sensoren in Kopf- und Brusthöhe und einen Mikrocontroller im Griff. Dieser Blindenstock vibriert, wenn ein Hindernis im Weg ist. Auf diese Weise werden Blinde auch vor Hindernissen gewarnt, die sich auf Kopf- und Brusthöhe befinden - mit einem normalen Blindenstock ertastet man ja vor allem den Boden. Ein anderes Beispiel: Wir haben ein künstliches Vogelei mit Sensorik und Elektronik entwickelt. Hierbei werden während des Brutvorgangs wichtige Daten wie zum Beispiel Temperatur, Drehung der Eier und Feuchtigkeit erfasst und gespeichert, sodass man immer weiß, was beim Brüten passiert. Dann kann man später überzählige Eier optimal im Brutofen ausbrüten. Wir bieten solche Projekte gezielt an, damit die Studenten merken, was man mit Technik alles bewirken kann. Es geht nicht nur um die Technik an sich.

Worum geht es dann?

Vor allem um ein anderes Image. Warum ist das iPhone zum Beispiel so ein Erfolg? Es ist etwas total Technisches und so etwas zu verkaufen war vor ein paar Jahren richtig schwierig. Ich kenne viele Leute, denen es zu kompliziert war, einen Videorekorder zu programmieren. Sie hatten gar keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Da war diese technische Hemmschwelle und sie haben gesagt: „Ach, das ist nichts für mich, das verstehe ich sowieso nicht.“ Beim iPhone wurde bewusst entschieden: Das muss intuitiv zu bedienen sein und es sollen sich auch Leute damit beschäftigen, die mit Technik eigentlich nichts zu tun haben wollen. Steve Jobs hat es geschafft, sich vom Nerd-Image zu lösen. Man muss nicht studieren, um ein iPhone bedienen zu können - es ist spielerisch zu erfassen. Und genau das müssen wir mit dem Ingenieurstudium auch schaffen: Die Leute begeistern, die Hemmschwelle senken und ihnen zeigen, dass Technik Spaß macht.

Aber trotzdem kann nicht jeder Ingenieur werden, oder?

Freude an der Technik, Physik und Mathematik sollte man auf jeden Fall mitbringen, sonst wird es schwierig. Klar, ein Ingenieurstudium ist kein Zuckerschlecken, wir wissen, dass manche nicht durchkommen. Aber es liegt dann auch oft an der Lerntechnik, an der Disziplin und an der Selbsteinschätzung: Manche lügen sich ein bisschen in die Tasche und schätzen sich falsch ein.

Wie meinen Sie das?

Unsere Studenten starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen ins Studium, zum Beispiel mit Abi oder über den zweiten Bildungsweg. Letztere haben, was die Mathematik-Ausbildung angeht, klare Nachteile. Aber sie haben eine wesentlich höhere persönliche Motivation. Sie sehen quasi die Karotte vor sich und wissen: Die möchte ich erreichen. Und wenn sie ihr Studium erfolgreich abschließen, haben sie oft sogar noch einen höheren Erfolg als die anderen. Aber sie müssen eben diese erste Hürde nehmen und sich dessen auch bewusst sein. Außerdem denken die meisten Studenten in den ersten beiden Semestern, dass viel erklärt wird und dass man quasi nur zuhören muss. Verstehen heißt aber, dass man es selber durchdringt, zum Beispiel in Lerngruppen.

Wie wichtig sind Fremdsprachenkenntnisse in diesem Beruf?

Wir bieten im Studium auch englischsprachige Kurse an, wovon die deutschen Studenten zunächst meist nicht so begeistert sind. Aber wenn sie sich später bewerben, erwartet der Arbeitgeber nun mal, dass sie Englisch sprechen können. Das ist zum Teil noch wichtiger als die Abschlussnote. Und dann sind die meisten doch froh, dass sie englische Fachbegriffe kennen und sich einigermaßen sicher in der Sprache fühlen.

Wie hoch ist der Frauenanteil im Studium?

Gerade bei Elektrotechnik oder Maschinenbau ist er sehr niedrig. Ich glaube, das Problem ist, dass sich Frauen nicht mit dem Bild identifizieren können, das wir hier in Deutschland von einem Ingenieur haben – dem bereits erwähnten Nerd. Der Frauenanteil liegt in Medizintechnik zum Beispiel deutlich höher, zum Teil sogar bei 50 Prozent. Dabei sind die Inhalte ähnlich, Elektrotechnik und Maschinenbau gehören dazu. Aber mit dem Wort Medizin können sich Frauen irgendwie besser identifizieren. Ich finde das sehr schade – denn dass sie mit dem Stoff zurechtkommen, zeigt ja das Beispiel Medizintechnik.

Web-Adresse: https://blicksta.de/partner/blicksta/erfahrungsberichte/ein-ingenieur-ist-kein-bleichgesichtiges-wesen
© blicksta 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Medienfabrik Gütersloh GmbH