"Traut euch auf jeden Fall etwas zu!"

Lea Marleen Daling (22) erzählt von ihrem Praktikum auf einer Jagd- und Gästefarm in Namibia

"Traut euch auf jeden Fall etwas zu!"

Lea Marleen Daling (22) hat nach ihrem Abitur im Jahr 2011 ein Praktikum auf einer Jagd- und Gästefarm in Namibia gemacht. Für drei Monate war sie dort „Mädchen für alles“ und hat ein Pferd für die Farm ausgebildet.

Warum wolltest du ins Ausland?

Eigentlich wollte ich nach dem Abi direkt studieren. Da ich aber nicht sofort einen Platz für ein Psychologie-Studium in Hamburg bekommen habe, wollte ich die Chance nutzen und in dem „freien“ Jahr möglichst viele Erfahrungen sammeln. Durch verschiedene Praktika wurde mir bewusst, dass ich mich für den richtigen Studiengang entschieden hatte. Ab diesem Punkt wusste ich, dass es der richtige Zeitpunkt war, mir völlig unbeschwert die Welt anzusehen. Auf ein bestimmtes Land war ich nicht festgelegt - aber als sich die Möglichkeit bot, einen völlig anderen Kontinent zu bereisen, konnte ich nicht Nein sagen.

Wie hast du deinen Auslandsaufenthalt finanziert?

In der Zeit nach dem Abi habe ich Praktika gemacht und gearbeitet. Dadurch konnte ich mir den Auslandsaufenthalt komplett selbst finanzieren.

Wie hoch sind die Lebenshaltungskosten im Vergleich zu Deutschland?

Die Lebenshaltungskosten in Namibia mit denen in Deutschland zu vergleichen ist schwierig, da es sich um völlig andere Bedingungen handelt. Die nächste Einkaufsmöglichkeit war zum Beispiel circa zwei Autostunden von der Farm entfernt. Jedoch muss ein Gästebetrieb natürlich auch gewissen Standards genügen. Hier wurde statt für Milch aus dem Supermarkt eher Geld für die Kuh ausgegeben, die die Milch direkt produziert...

Wie hast du den Aufenthalt organisiert? Was musstest du dabei alles bedenken?

Es hat sich wirklich gelohnt, die Reise frühzeitig zu planen. Ich habe mich im Internet schlau gemacht und über den Impfschutz informiert. Da vor Reiseantritt mehrere Impfungen in bestimmten Zeitabständen nötig waren, musste ich damit relativ früh beginnen. Insgesamt ist es mir relativ schwer gefallen, mir die genauen Bedingungen vorzustellen. Im namibischen Winter (von Mai bis September) gibt es extreme Temperaturunterschiede. Tagestemperaturen von 20 bis 25 Grad, nachts ist es dann bis zu -10 Grad kalt. Sich darauf einzustellen war gar nicht so leicht. Von Flip-Flops bis zum warmen Winterpullover hatte ich alles dabei.

Wie sah ein typischer Tag aus?

Eigentlich war kein Tag wie der andere. Immer gab es andere Aufgaben, um die man sich möglichst schnell kümmern musste. Morgens bin ich meistens eine Runde laufen gegangen, um den Sonnenaufgang und die völlige Ruhe zu genießen. Dann wurde das Frühstück für die Gäste vorbereitet und wir haben gemeinsam gefrühstückt. Meistens habe ich mich danach mit meiner Hauptaufgabe namens „Aragon“ beschäftigt. Putzen, pflegen, reiten, an Trecker und andere Geräusche auf der Farm gewöhnen, all das stand für mich täglich auf dem Plan. Nachmittags bin ich oft mit den Angestellten der Farm mitgeritten, um sie bei der Arbeit zu unterstützen. Abends wurde es schon gegen 18 Uhr dunkel, sodass der Tag genauso früh aufhörte wie er begann. Einige Gäste konnten sich aber noch bis tief in die Nacht für die Jagdgeschichten der Farmer begeistern.

Was war die größte Umstellung beziehungsweise der größte Unterschied zu Deutschland?

Der größte Unterschied war das Leben im Einklang mit oder auch in Abhängigkeit von der Natur. Das Wasser kam nicht selbstverständlich (und schon gar nicht immer warm) aus dem Hahn, es gab keine Heizung und man ernährte sich vorrangig von dem, was man selbst anbauen konnte und was gejagt wurde. Die Einkäufe mussten gut geplant werden, da nur circa einmal die Woche der lange Weg bis zur nächstgelegenen Stadt Windhoek angetreten wurde, um sich für die nächsten Tage einzudecken.

Hattest du Probleme mit der Sprache?

Probleme mit der Sprache hatte ich auf jeden Fall bezüglich der namibischen Mitarbeiter auf der Farm. Aber es hat Spaß gemacht, sich mit Händen und Füßen zu unterhalten und immer mehr einzufinden. Afrikaans kann ich immer noch nicht richtig, aber es ist eine herrliche Sprache, die ich wirklich gerne lernen würde.

Was sollte man in dem Land, in dem du warst, unbedingt gesehen oder gemacht haben?

Auf jeden Fall lohnt sich ein Trip in die großen Nationalparks, wie zum Beispiel „Etosha“. Hier kann man, wenn man Glück hat, hautnah die „Big Five“ (Elefant, Büffel, Nashorn, Löwe und Leopard) beobachten. Es ist wahnsinnig beeindruckend, die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu sehen. Spannend fand ich außerdem einen Ausflug ins „Buschmannland“. Hier konnte ich sehen, wie die Einheimischen noch ohne jeglichen technischen Fortschritt im Einklang mit der Natur leben.

Was war das absolute Highlight?

Mein absolutes Highlight war, eine kleine Elefantenherde vor der Kulisse eines traumhaft schönen Sonnenuntergangs an einer Wasserstelle zu beobachten. Wirklich atemberaubend! Außerdem ist der Sternenhimmel, den man von Namibia aus sieht, unfassbar!

Gibt es ein Erlebnis, das nicht so schön war?

Am Anfang hatte ich irgendwie Hemmungen, mit den Einheimischen in Kontakt zu treten. Es war eine Art Scham oder auch schlechtes Gewissen, weil die Lebensbedingungen mit denen in Deutschland kaum zu vergleichen sind. In den Slums zum Beispiel wird man mit extremer Armut und unvorstellbaren Lebensbedingungen konfrontiert. Aber es war viel wert zu erleben, wie glücklich, dankbar und zufrieden die meisten Menschen tatsächlich waren.

Wurden deine Erwartungen erfüllt?

Meine Erwartungen wurden mehr als nur erfüllt. Der nächste Aufenthalt ließ nicht lange auf sich warten! Im Januar 2012 war ich noch einmal für einen Monat dort.

Würdest du im Nachhinein irgendetwas anders machen?

Wenn ich noch einmal die Möglichkeit hätte, würde ich einen längeren Aufenthalt planen. Drei Monate sind wirklich nicht viel und die Erfahrungen sind es allemal wert!

Hast du einen Tipp für alle, die ein Gap-Year planen?

Mein Tipp: Traut euch ruhig etwas zu! Eine fremde Kultur kann beängstigend, aber gleichzeitig unheimlich bereichernd sein. Und nehmt euch auf jeden Fall die Zeit, ein bisschen herumzureisen - es lohnt sich vor allem dann, wenn man sich Geheimtipps von den Einheimischen holt. Das ist besser als jeder Reiseführer.

Wie ging es nach deinem Auslandsaufenthalt weiter?

Nach meinem Auslandsaufenthalt habe ich zunächst zwei Semester Erziehungswissenschaften in Münster studiert und anschließend endlich einen Platz für Psychologie in Hamburg bekommen. Dort studiere ich seit dem Wintersemester 2012.

Hatten deine Erfahrungen aus dem Gap-Year einen Einfluss auf deine Zukunftspläne?

Ich glaube, dass es mir der Aufenthalt in Namibia enorm erleichtert hat, mit neuen, ungewohnten Situationen souverän umzugehen. Außerdem hat es mir bei der Entscheidung geholfen, später doch noch einmal die Stadt und das Studium zu wechseln und wieder ganz neu anzufangen. Vorher war ich sehr darauf aus, geradlinig und zielstrebig das zu erreichen, was ich mir vorgenommen hatte. Aber mir ist in der Zeit sehr bewusst geworden, dass es wichtig und richtig ist, auch mal Fehler zu machen oder Umwege zu gehen und sie als wertvolle Erfahrungen schätzen zu lernen.

Wie geht es weiter?

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