"Viele haben das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören"

Im Gespräch mit einer Mentorin von ArbeiterKind.de

"Viele haben das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören"

Rebecca ist Mentorin der Bielefelder Ortsgruppe des ArbeiterKind-Projekts. Dort setzt sie sich für Schülerinnen und Schüler sowie für Studierende ein, die als erste in ihrer Familie einen Studienabschluss anstreben – wie es auch bei Rebecca der Fall war. Wir sprachen mit ihr über die Erfahrungen, die Arbeiterkinder an der Hochschule und zu Hause machen und was sie tun können, um sich an der Uni wohl zu fühlen.

Welche Erfahrungen machen Studierende, die aus Arbeiterfamilien kommen, an den Hochschulen?

Viele Studierende, die aus einem nicht-akademischen Umfeld kommen, haben das Gefühl, nicht so richtig dazuzugehören. Manche Dinge fallen ihnen dann schwerer als anderen. Zum Beispiel trauen sich manche zunächst nicht, zu Professorinnen und Professoren in die Sprechstunde zu gehen. Sie wissen nicht genau, wie sie mit ihnen reden sollen. Andere Studierende haben beispielsweise einen Professor für Biologie als Vater zu Hause am Frühstückstisch sitzen. Dann ist man natürlich im Studium auch nicht so beeindruckt von Dozentinnen und Dozenten. Sie waren für mich früher so etwas wie „höhere Wesen“. Gleichzeitig rückt man aber auch von seinem alten Umfeld ab, weil man sich ja doch langsam in der akademischen Welt einlebt, was zu Konflikten führen kann.

Welche Erfahrungen machen die Studierenden zu Hause?

Zu Hause können die Angehörigen und Freunde nicht immer etwas mit einem Studium anfangen. Da muss man sich oft Sprüche anhören wie „Geh’ mal lieber Geld verdienen“ und „Lieg’ uns nicht auf der Tasche“. „Du denkst doch, du bist was Besseres“, wurde mir damals vorgeworfen. Das fand ich sehr unfair, denn ich konnte ja im Prinzip nichts für meine Fähigkeiten und Interessen, die immer im geisteswissenschaftlichen Bereich waren, wodurch ein Studium recht nahe lag. Um es dann trotzdem an die Uni zu schaffen, muss man sich manchmal trauen, sich gegen die eigenen Eltern zu stellen. Mir ist wichtig, dass man das machen kann, worin man begabt ist. Und wenn das nicht an der Universität ist, ist das auch gut. Wir sagen also nicht, dass jeder studieren sollte, sondern dass jeder das finden sollte, was er gerne machen möchte.

Welche Rolle spielen das Geld und die Finanzierung des Studiums?

Eine sehr große Rolle – auch bei Schulvorträgen merken wir häufig, dass das Thema die Schülerinnen und Schüler sehr beschäftigt. Bei Familien ohne akademischen Hintergrund fehlt oft das Geld, um die Kinder im Studium finanziell zu unterstützen. Die Situation ist von Fall zu Fall unterschiedlich, manche bekommen BaföG, andere müssen einen Studienkredit aufnehmen. Natürlich kann es abschrecken, wenn man daran denkt, dass man nach der Uni direkt mit Schulden in das Berufsleben startet. Das kann natürlich auch bei Akademiker-Eltern passieren, wenn sie nicht genug Geld für die Unterstützung der Kinder haben.

Was sollten Hochschulen tun, um die Situation von Arbeiterkindern zu verbessern?

In letzter Zeit gab es einige neue Projekte, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. In Göttingen gibt es zum Beispiel seit einiger Zeit das Projekt „Brückenschlag“. Und der Stifterverband fördert mit der Initiative „Studienpioniere“ zehn Fachhochschulen, die Konzepte für die Verbesserung der Studiensituation von Arbeiterkindern vorgelegt haben und nun umsetzen. Manchmal sind die konkreten Maßnahmen auch den Angeboten von ArbeiterKind.de ähnlich. Ich finde das aber super, weil das Thema gewürdigt und anerkannt wird und etwas unternommen wird. Viele der Probleme von Arbeiterkindern werden so erst sichtbar. Die Abbrecherquote an den Universitäten ist nach wie vor ziemlich hoch. Häufig hat dies mit einer wahrgenommenen Überforderung der Studierenden zu tun. Arbeiterkinder sind da aus meiner Sicht besonders gefährdet, weil sie an der Uni oft ein etwas niedrigeres Selbstbewusstsein haben. Projekte und Aktionen, die sich auf die Verbesserung der Studieneingangsphase konzentrieren, sind daher sehr sinnvoll, wie beispielsweise das "richtig einsteigen"-Programm der Uni Bielefeld.

Was können Kinder von Nicht-Akademikern tun, um sich an der Hochschule möglichst wohlzufühlen?

Natürlich ist es hilfreich, eine Gruppe von Leuten zu haben, in der die eigenen Probleme verstanden werden. Auch wenn jemand es völlig unproblematisch findet, dass ein anderer einen nicht-akademischen Hintergrund hat – verstehen kann er die Probleme dann häufig doch nicht. Zum Beispiel, weil man die Unterstützung von Eltern hat, die alles finanzieren können. In der ArbeiterKind.de-Ortsgruppe treffe ich hingegen Leute, die diese Probleme wirklich nachvollziehen können und selbst erlebt haben.

Gibt es noch weitere Ratschläge, die du angehenden Studierenden aus Arbeiterfamilien geben kannst?

Manchmal braucht die Eingewöhnung einfach etwas Zeit, ein grundsätzlicher Rat wäre also: Durchhalten! Während meines Bachelor-Studiums habe ich noch ganz anders studiert als im Master. Mir hat zum Beispiel die Arbeit als studentische Hilfskraft an der Uni sehr geholfen. Dadurch hatte ich die Gelegenheit, hinter die Kulissen der universitären Arbeit zu blicken. Man merkt dann, dass das alles gar nicht so dramatisch ist und an der Uni auch „nur“ Menschen arbeiten.

Wenn du mehr über ArbeiterKind.de erfahren möchtest, klicke hier. Mehr Hintergrund-Infos zum Thema findest du hier.

Und jetzt?

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